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Der materielle Wert der Natur
Was würden wir atmen, wenn es keine Luft auf unserer Erde gäbe? Was würden wir trinken, wenn es kein Wasser gäbe? Wie wertvoll ist unsere Natur? Hat sie überhaupt keinen materiellen Wert? Wenn wir der Natur einen materiellen Wert geben, den man berechnen kann, würden wir dann die Natur immer noch gedankenlos zerstören? - Was nichts kostet, ist auch nichts wert?
Der gesamte Wert der Natur ist nicht zu berechnen, weil wir ohne die Natur nicht leben könnten. Dagegen lässt sich der materielle Wert von einzelnen gehandelten Naturgütern recht leicht ermitteln. Beispielsweise kostet ein Kilo Hering im Supermarkt etwa drei bis fünf Euro. Im Wald gesammelte und dann getrocknete Steinpilze kosten pro Kilo zwischen 70 und 100 Euro.
Komplizierter ist es den Wert eines ganzen Ökosystems zu ermitteln. Wissenschaftler aus Großbritannien berechneten den Wert, den die Natur als Beitrag zur britischen Wirtschaft leistet. Dabei bezogen sie so viele erdenkliche Kleinigkeiten wie nur möglich mit ein. Sie errechneten den Erholungswert der Landschaft ebenso wie den Wert der Regenwürmer als Köder für Angler und kamen auf einen Betrag von acht Milliarden US-Dollar pro Jahr. Nicht eingerechnet wurde die landwirtschaftliche Produktion.
John Losey, ein US-amerikanischer Forscher von der Cornell University hat gemeinsam mit seinem Kollegen Mace Vaughan von der Xerces Society for Invertebrate Conservation ausgerechnet, wie wertvoll zumindest ein Teil der Insekten und die von ihnen geleistete Arbeit ist. Demnach tragen die Insekten jährlich einen Wert von 57 Milliarden US-Dollar zur Wirtschaft der USA bei. Sie bestäuben Pflanzen und sind die Nahrungsgrundlage für viele Vögel und Säugetiere. Diese Zahl erscheint sehr hoch, doch nach Losey’s Aussage ist sie eine äußerst konservative Schätzung. Sie entspricht wahrscheinlich nur einem Bruchteil des wahren Wertes der Insekten. Denn wichtige Bereiche wie die Zersetzung von Kadavern, Laub und Totholz, die Produktion von Honig und anderen Naturstoffen, wurden in die Untersuchung nicht einbezogen.
Wieviel ist der Regenwald wert?
Wissenschaftler haben im Auftrag des WWF den monetären Wert des Amazonas-Regenwaldes errechnet. Ein Hektar intakten Regenwaldes entspricht demnach einem Gegenwert von rund 380 Euro pro Jahr. In dieser Summe sind die CO2-Speicherfunktion des Waldes, die Vermeidung von Erosion und der mögliche Gewinn durch Ökotourismus mit einberechnet. Nicht mit eingerechnet wurden der Wert der Tiere und der Wert der bisher unentdeckten Pflanzen mit medizinischer Wirkung. Wenn man die gleiche Fläche des Regenwaldes abholzen würde, könnte man pro Hektar nur etwa 100 Euro mehr verdienen. Den Gewinn würden sich Holzfällerfirmen und Rinderproduzenten teilen. Dagegen ist der Schaden für die Umwelt und die gesamte Menschheit katastrophal. Der Präsident von Ecuador Rafael Correa, hat vorgeschlagen, den Regenwald seines Landes unangetastet zu lassen, wenn Ecuador über den Zeitraum von 13 Jahren jährlich 350 Millionen US-Dollar Entschädigung bekommt. Dieses Geld sollen die großen CO2-produzierenden Industriestaaten zahlen weil der Regenwald einen großen Teil des Kohlendioxids aus der Atmosphäre aufnimmt. Norwegen, Spanien und Deutschland haben Interesse an dieser Idee bekundet.
Wieviel ist ein Blaukehlchen wert?
Wieviel ist ein Hai wert?
Wieviel sind Korallenriffe wert?
Die UNEP schätzt den durchschnittlichen materiellen Wert aller Korallenriffe auf einen Betrag von 100.000 bis 600.000 US-Dollar pro Quadratkilometer und Jahr. Der hohe Wert der Riffe setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen. Korallenriffe verhindern Erosion und das Fortspülen ganzer Strände. Sie haben eine wichtige Funktion für die lokale Fischerei und sind wahre Brutstätten für Fische und andere Meerestiere. Sie haben einen hohen Erholungswert für Menschen und sind für den Tourismus unersetzlich. Denn in vielen Regionen der Erde gibt es kaum andere Sehenswürdigkeiten als die prächtigen Riffe vor der Küste. Nur wenn die Menschen vor Ort den materiellen Wert der Korallenriffe erkennen, werden sie diese auch schützen.
In den Teilen von Indonesien und in der Karibik, in denen der Tourismus die Haupteinnahmequelle der Bevölkerung ist, werden Riffe mit einem Wert von 1 Million US-Dollar pro Quadratkilometer und Jahr geschätzt. Diese Schätzung basiert auf dem Wert des Erhalts der Sandstrände und der Anziehungskraft der Natur auf Urlauber, die zum Schnorcheln und Tauchen kommen.
Jedes Jahr besuchen mehr als 1,8 Millionen Touristen das Great Barrier Reef und geben geschätzte 4,3 Milliarden Australische Dollar aus. Dieses Geld steht in direkter Verbindung mit dem Riff. Es fließt an Tauchschulen, an Bootsvermieter, Hotels und Restaurants. In der Karibik berechnet die UNEP den jährlichen Nettonutzen des Tourismus auf zwei Milliarden US-Dollar. Im Jahr 2000 wurden 625 Millionen US-Dollar davon direkt für den Tauchtourismus an den Riffen ausgegeben.
Aus medizinischer Sicht haben Korallenriffe einen Wert von 6.000 US-Dollar pro Hektar. So hat man herausgefunden, dass der menschliche Körper den Klebstoff, mit dem sich Muscheln an Felsen festhalten, nicht abstößt. Dieser Klebstoff eignet sich zur Heilung von Knochenbrüchen und zum Wundverschluss. Besonders in Schwämmen und anderen wirbellosen Tieren lassen sich Substanzen gegen Krebs und Alzheimer finden. Viele neue Antibiotika stammen aus den Korallenriffen. Der zukünftige Wert der Riffe für die Medizin lässt sich noch nicht einmal schätzen, weil die Millionen verschiedener Substanzen des Riffes noch nicht einmal erforscht sind.
In der Bionik ist der Wert der Korallenriffe noch gar nicht abzuschätzen. Immer neue Anwendungen werden hier entdeckt. Die Struktur der Kieselalgen nutzt man als Vorlage für Autofelgen. Schwimmer erreichen mit Schwimmanzügen, die der Haihaut nachempfunden wurden, immer neue Rekorde. Wissenschaftler denken darüber nach, wie man mit einer künstlichen Haihaut Schiffe beschichten kann, um die Reibung während der Fahrt zu verringern und damit Energie zu sparen.
Naturschutz ist kein Luxus
Ob Vögel, Haie oder Korallenriffe, Natur hat einen Wert, auch wenn sie keine direkte biologische Funktion für uns hat. Wir müssen Spezies auch dann erhalten, wenn sie keinen unmittelbaren Dienst für uns erbringt. Auch wenn wir die Tiere oder Pflanzen weit entfernt, zum Beispiel nur im brasilianischen Regenwald existieren, müssen sie trotzdem erhalten werden. Denn alles Leben ist mit einander verbunden. Naturschutz ist kein Luxus sondern die Voraussetzung nachhaltigen Lebens auf unserem Planeten.
Es wäre falsch, die Natur nur auf ihren reinen Geldwert zu reduzieren. Doch müssen wir die Ökonomie benutzen um den Regierungen dieser Welt die Augen zu öffnen, wenn sie all zu leicht die Naturschätze ihrer Länder im Namen des Fortschritts opfern, ohne sich über den wahren Wert der Natur im Klaren zu sein. So ist die Garnelenzucht in den Mangrovenwäldern der Tropen auf den ersten Blick ein lukratives Geschäft. Durch die Abholzung von Mangrovenwäldern und das Anlegen von kommerziellen Garnelenfarmen können Geschäftsleute Erträge von 1.200 US-Dollar pro Hektar erwirtschaften. Doch die Verluste für die Menschen vor Ort betragen mehr als 12.000 US-Dollar pro Hektar. Mangroven sind die Brutstätten für viele Fischarten. Werden sie abgeholzt, schrumpfen die Fischbestände des Meeres dramatisch. Der natürliche Küstenschutz ist nicht mehr gewährleistet und muss für viel Geld mit technischen Mitteln übernommen werden. Nach nur fünf Jahren geben die meisten Betreiber ihre Farmen wieder auf. Der Untergrund der Becken ist dann so sehr mit Antibiotika und anderen Medikamentenrückständen vergiftet, dass die Garnelen jetzt in Europa und den USA eigentlich als giftiger Sondermüll entsorgt werden müssten. Deshalb ziehen die Garnelenzüchter einfach weiter und roden ein anderes Stück des Mangrovenwaldes. Den Küstenbewohnern überlassen sie die Kosten der Sanierung ihrer aufgegebenen Standorte. Diese Kosten betragen mehr als 9.000 US-Dollar pro Hektar.
Natur ist kostbar, und es kostet uns auch hier in Deutschland eine Menge Geld die verloren gegangene Natur wieder erstehen zu lassen. Lassen wir es gar nicht erst so weit kommen. Schützen wir die Natur, unseren kostbaren Schatz, wo auch immer wir ihr begegnen.